Facebook-Lehren:

FAZ-Artikel vom 31.01.2012:

Facebooks „Chronik“ Ich weiß genau, was du getan hast
30.01.2012 •  Im Februar stülpt Facebook allen Nutzern die neue „Chronik“ über. Das ist kein Grund zur Panik. Aber es gibt viel zu tun, will man den Überblick über die eigenen Daten behalten.

Abtauchen geht nicht: Der „Timeline“ von Facebook soll nichts entgehen

Facebook hält seine Nutzer auf Trab: In den kommenden Wochen wird die „Timeline“, in Deutsch „Chronik“, Pflicht für alle Nutzer des Netzwerks. Das hat Folgen – alles, was man je geschrieben hat, wird in eine Reihe gestellt, ebenso aber wird jede Bewegung in der digitalen Welt protokolliert und archiviert.

Zunächst ändert sich außer der Profil-Ansicht nichts, aber dahinter verbirgt sich einiges: Über eine Navigationsleiste am rechten Rand des Profils können alte Inhalte nach Monaten und Jahren gezielt angewählt werden. Bislang konnten „Freunde“ diese Daten auch einsehen, mussten dafür aber stets am Fuße der Seite auf „Ältere Beiträge“ klicken. In der Chronik fasst Facebook nun jeden Monat und jedes Jahr zusammen: besuchte Orte, geschlossene „Freundschaften“, ins Herz geschlossene Seiten („Likes“).

Ein Blick auf die ersten Facebook-Tage lohnt
Sobald ein Hinweis am Kopf der Seite erscheint, hat jeder Nutzer sieben Tage Zeit, sich alte Inhalte anzusehen und gegebenenfalls zu löschen, bevor das Profil nach Ablauf der Frist als Chronik für andere öffentlich wird. Ein Blick auf die Anfänge lohnt sich: Gerade in den ersten Wochen nach der Anmeldung neigen viele Nutzer dazu, banale Meldungen wie „Wochenende“ oder „müde“ abzusetzen oder ihrem Ärger anderen gegenüber leichtfertig Luft zu machen.
Wann genau die Chronik für jeden Nutzer kommt, ist unklar. Den Worten einer Facebook-Sprecherin zufolge dauert die Umstellung, der „Rollout“, einige Wochen: „Es gibt keinen festen Termin, wann alle deutschen Facebook-Nutzer die Chronik erhalten.“ Über dem neuen Profil erstreckt sich dann ein breitformatiges „Titelbild“, das vom Nutzer festgelegt werden kann, darunter, neben dem Profilbild, Basisdaten zu Beruf, Wohnort und Partner, falls angegeben. Das Profil selbst läuft zweispaltig an einer blauen Linie entlang. „Es werden keine Informationen sichtbar, die vorher nicht sichtbar waren“, sagt die Facebook-Sprecherin. Alle Inhalte könnten auch weiterhin gelöscht werden.
Unter Nutzern, die das neue Profil schon getestet haben, mehrt sich allerdings Kritik: Unübersichtlich sei die neue „Timeline“, nutzlos, ein Rückschritt, das „neue MySpace“. In einer nicht repräsentativen Umfrage des Sicherheitsdienstleisters Sophos unter rund viertausend Nutzern gab mehr als die Hälfte der Befragten an, die neue Chronik erfülle sie mit Sorge; ein Drittel gestand ein, es wisse nicht, warum es überhaupt noch auf Facebook sei. Nur knapp acht Prozent der Nutzer bekannten sich zu den neuen Funktionen. Weitere acht Prozent gaben an, sie würden sich daran gewöhnen.

Arbeiten an der eigenen Biographie
Anfreunden müssen sich die Nutzer auch mit Mark Zuckerbergs Vorstellung digitaler Geschichtsschreibung: Er wünscht sich eine Heerschar von Historiographen ihrer selbst und ermutigt die Nutzer, nachträglich auch Daten über ihre Zeit vor Facebook einzuspeisen. Status, Foto, Ort – oder „Lebensereignis“. Dort kann man wählen zwischen „Arbeit&Ausbildung“, „Familie&Beziehungen“, „Heim&Leben“, „Gesundheit&Wellness“ und „Reisen&Erfahrungen“. Wer also „Wehrdienst“, den „Verlust eines geliebten Menschen“, einen „Hauskauf“, Details zu „Brille, Kontaktlinsen usw.“, einen „Knochenbruch“ oder „Veränderte Überzeugungen“ aller Welt kundtun will – Facebook wartet nur darauf.

Eine weitere Neuheit, auf die Facebook besonders stolz ist, nennt sich „frictionless sharing“, („reibungsloses Teilen“): Wer etwa eine bestimmte Zeitung über die Anwendung in Facebook liest, muss einmalig zustimmen, dass alle gelesenen Inhalte automatisch ins Profil eingespeist werden. Die dafür genutzte Entwicklerschnittstelle „Open Graph“ wird auch von einigen Musikstreamingdiensten verwandt, um abgespielte Titel im Profil anzuzeigen. Oft ist die Zustimmung zur Veröffentlichung an die Nutzung der App gekoppelt. Dass die Inhalte im Nachhinein auch ausgeblendet werden können, ist nur wenigen Nutzern bewusst.

Ideale Zielfahndung
Das Ziel von Facebook lautet, das „analoge“ mit dem digitalen Leben in eins fallen zu lassen. Dabei steht das Geschäft im Vordergrund, die kommerzielle Zone weitet sich aus: die Mediennutzung wird protokolliert, künftig könnten auch Einkäufe dazuzählen. In der Regel sollen Inhalte nicht mehr manuell, sondern automatisch geteilt werden. Bald sind es nicht mehr die verfassten Einträge, sondern die digitalen Aktivitäten, die das Bild eines jeden Nutzers zeichnen. Nicht jeder User will das, wohl aber Facebook – das digital identifizierte Individuum ist die ideale Projektionsfläche für Werbung und Marketing. Die ideale Zielfahndung.

So wird das eigene Leben also digital aufgezeichnet – für „Freunde“ und für die Wirtschaft zugänglich. Wer bislang keine Zeit hat, alte Inhalte zu rekapitulieren, sollte sein Profil zunächst deaktivieren. Aktive Profile werden in den kommenden Wochen sukzessive auf Linie gebracht. Nutzer, die ihre Profile zu einem späteren Zeitpunkt aktivieren, haben dann ebenfalls sieben Tage Zeit, sich auf die Chronik vorzubereiten.

Sicher vor Facebook sind die Daten aber letztlich nur, wenn das Profil gelöscht ist. Ein Schritt, den viele Nutzer nicht wagen – für sie bleibt die Timeline das kleinere Übel. Und falls es doch die Löschung sein soll: Laden Sie sich vorher den Datensatz Ihrer Aktivitäten auf Facebook herunter. Der lässt sich dann ganz privat nutzen.
Hilfreiche Links

Falls Sie die Chronik aktivieren wollen, bevor Ihr Profil automatisch umgestellt wird, können Sie das bereits unter http://www.facebook.com/about/timeline tun.

Falls Sie keine Zeit haben, Ihre Inhalte noch einmal zu kontrollieren, können Sie Ihr Facebook-Konto auf https://www.facebook.com/deactivate.php auf unbestimmte Zeit zunächst deaktivieren.

Wenn Sie sich wieder einloggen, wird Ihr Account automatisch reaktiviert, und Sie haben sieben Tage Zeit, die Chronik zu überprüfen.

In Ihren Privatsphäre-Einstellungen http://www.facebook.com/settings/?tab=privacy können Sie kontrollieren, welche Nutzer welche Inhalte auf Ihrem Profil einsehen dürfen.

Wenn Sie Listen anlegen http://www.facebook.com/bookmarks/lists , können Sie später Inhalte nur für bestimmte Personengruppen zugänglich machen.

Sollten Sie Facebook gänzlich den Rücken kehren wollen, beantragen Sie die Löschung Ihrer Daten. https:/wwwfacebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account

28.02.2012